AD(H)S – eine andere Sichtweise

Es gibt extrem viele Vorurteile und Falschinformationen in Bezug auf das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom. Zudem müssen sich davon Betroffene mit einigen sozialen Stigmata auseinandersetzen, die in dieser Gesellschaft noch immer darüber vorhanden sind.

Da es ist mir wichtig ist, im Rahmen meiner Arbeit auch über dieses Thema aufzuklären, widerlege ich einige dieser Fehlannahmen hier. Weil bei mir selbst vor fast zehn Jahren ADHS diagnostiziert wurde, habe ich diesbezüglich schon einige unangenehme Erfahrungen machen müssen…
Ebenso zeige ich in diesem Blogartikel auf, dass diese angebliche Störung nicht als solche angesehen werden muss. Außerdem nenne ich die positiven Aspekte, die mit dieser Normvariante verbunden sind. Und zuletzt gebe ich ein paar Tipps für andere Menschen mit AD(H)S, die vor allem für betroffene Selbstständige hilfreich sein können.
Denn es gibt eben nicht nur eine mögliche Betrachtungsweise dieses Themas!

 

 

AD(H)S – Pathologie versus Neurodiversität

Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom wird nach den Diagnosemanuals der WHO und der American Psychiatric Association sowie dem ICD-11 und dem DSM-V als Krankheit klassifiziert.
Die Leitsymptome der sogenannten Störung bestehen in mangelnder Aufmerksamkeit, Impulsivität und in manchen Fällen auch der Hyperaktivität. Die Betroffenen haben somit Konzentrationsprobleme, Schwierigkeiten mit der Selbstregulation und auch eine emotionale Instabilität ist bei ihnen vorhanden. Einige von ihnen sind auch hyperaktiv und somit motorisch unruhig, doch das betrifft nicht alle.

Festgestellt wird AD(H)S durch eine Reihe von Testungen und eine ausführliche Anamnese. Ebenso werden auch alte Schulzeugnisse, Selbstauskünfte und Aussagen von Familienmitgliedern herangezogen. Da es sich um eine Differenzialdiagnose handelt, müssen andere Ursachen für die bestehenden Probleme ausgeschlossen werden und weitere Kriterien erfüllt sein.

Doch auch wenn das Syndrom als psychiatrische Störung klassifiziert wird und dadurch bei Bedarf behandelt werden kann, bin ich nicht der Ansicht, dass es als Krankheit betrachtet werden muss.

Vielmehr kann und sollte es als eine Normvariante angesehen werden. Bei AD(H)S weicht nämlich der Hirnstoffwechsel (vor allem bei den Botenstoffen Dopamin und Noradrenalin) von dem der meisten Menschen ab. Daraus resultieren die Unterschiede zwischen Menschen mit AD(H)S und denjenigen, die man als neurotypisch bezeichnet. Und nur weil bei jemandem neurobiologische Unterschiede zur Masse bzw. Durchschnittswerten bestehen, muss er selbstverständlich noch lange nicht als krank angesehen werden.

Hier kommt das Konzept der Neurodiversität ins Spiel. Es respektiert derartige atypische neurologische Entwicklungen als natürliche Unterschiede. Demnach existieren viele genetische Normvarianten, die allesamt naturgegeben sind und als solche auch als „normal“ angesehen werden können. Jeder von uns unterscheidet sich als Individuum von allen anderen Menschen. Warum also sollten neurologische Besonderheiten als etwas Krankhaftes betrachtet werden müssen, nur weil hier keine Normwerte gegeben sind?!

Darum besteht auch nicht bei jedem Menschen mit AD(H)S Behandlungsbedarf – und erstrecht benötigt nicht jeder Medikamente. Die Symptome sind bei Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt. Zudem spielt natürlich der subjektive Leidensdruck eine enorm wichtige Rolle.
Wie geht es demjenigen, bei dem das Syndrom diagnostiziert wurde? Gibt es Komorbiditäten wie z. B. Depressionen oder Schlafstörungen, deren Ursache das AD(H)S ist? Wie sieht das Leben der Person aus, wie gut entspricht ihr eigener Lebensstil ihren individuellen Bedürfnissen? (Dies gilt natürlich für jeden Menschen, egal ob neurotypisch oder nicht.)

Auch wenn durch das Syndrom Probleme ent- oder bestehen können, sehe ich daher keinen Grund dafür, AD(H)Sler als Kranke anzusehen. Sie ticken in vielen Dingen anders als die Mehrheit – das allein ist aber noch lange nichts Pathologisches, das „geheilt“ werden müsste…

 

10 häufige Vorurteile über AD(H)S – und ihre Widerlegung

  1. AD(H)S betrifft nur Kinder.
    Bei circa 50-80 % der Kinder und Jugendlichen, bei denen es diagnostiziert wird, bleiben einige Symptome im Erwachsenenalter bestehen – und bei einem Drittel der Betroffenen sogar das Vollbild des Syndroms. Allerdings steht bei Erwachsenen meist eher die Unaufmerksamkeit im Vordergrund.
  1. Das Syndrom entsteht durch Erziehungsfehler.
    Falsch, es geht auf ein Ungleichgewicht der Hirnbotenstoffe zurück. Allerdings kann falsche Erziehung ein Aspekt sein, der die Entstehung von AD(H)S begünstigt.
  1. Es gibt einen Zusammenhang zwischen AD(H)S und Intelligenz.
    Nein, vom Vorliegen des Syndroms kann kein Rückschluss auf den IQ eines Menschen gezogen werden.
  1. Durch Sport verschwindet AD(H)S.
    Das Syndrom ist neurologisch bedingt und kann durch bestimmte Aktivitäten nicht verschwinden. Sport hilft allerdings vielen Betroffenen, besser mit der Hyperaktivität umzugehen.
  1. Betroffene können keine guten Beziehungen führen.
    Falsch, denn auch wenn AD(H)Sler im Umgang komplizierter sein können als Neurotypische, haben sie viele Fähigkeiten, die gute Beziehungen begünstigen – so wie andere Menschen auch.
  1. Menschen mit AD(H)S bekommen zu wenig Aufmerksamkeit von anderen.
    Damit hat AD(H)S rein gar nichts zu tun; der Begriff Aufmerksamkeit bezieht sich hier nur auf die Informationsverarbeitung. Es geht hierbei vor allem um unsere Fähigkeit, wichtige von unwichtigen Reizen zu unterscheiden.
  1. Betroffene sind faul.
    Nein, aber für AD(H)Sler spielt Motivation eine enorm wichtige Rolle. Sie ist abhängig von einem anderen Regulationsmodus als bei Nichtbetroffenen und ist stärker von der Befriedigung eigener Bedürfnisse abhängig. Menschen mit AD(H)S brauchen darum stärkere Anreize, um dieselbe Motivation zu erreichen wie andere. Diese lässt sich von den Betroffenen selbst allerdings nicht steuern.
  1. Reizüberflutung ist doch nicht so schlimm.
    Reizüberflutung führt zu psychischer Überforderung und kann tatsächlich extrem schaden, denn der Körper befindet sich hierbei im Dauerstress. Hält sie lange an, kann sie zu schwer auszugleichenden Schäden führen.
  1. Jeder, der sich schlecht konzentrieren kann, hat AD(H)S.
    Stimmt natürlich nicht, denn jeder ist mal unkonzentriert. Voraussetzungen für die AD(H)S-Diagnose sind aber u. a., dass die Probleme mit der Aufmerksamkeit stark ausgeprägt sind und seit der Kindheit fortwährend bestehen.
  1. AD(H)S-Medikamente machen abhängig.
    Nein, denn die Stimulanzien, die hier meist verschrieben werden, wirken nur kurzfristig, bevor sich der Zustand vor der Einnahme wieder einstellt. Medikamente wie Ritalin führen bei den Betroffenen außerdem nicht zu einem Rauschzustand, sondern normalisieren nur für kurze Zeit den Hirnstoffwechsel.

 

Stärken von Menschen mit AD(H)S

Es gibt auch einige positiven Seiten, die die Andersartigkeit des Gehirns bei AD(H)S mit sich bringen kann! Betroffene sind nicht besser oder schlechter als Neurotypische, aber eben anders – und besitzen daher teilweise auch andere Stärken. Besinnt man sich auf diese und nutzt sie für sich, kann die vermeintliche Störung als eine Gabe erlebt werden.
Darum möchte ich einige dieser positiven Aspekte nennen und ggf. kurz erläutern.

  • Der Hyperfokus
    AD(H)S ist zwar mit Konzentrationsstörungen verbunden, jedoch kennen auch davon Betroffene Phasen guter oder sehr guter Konzentration. Sogar der Hyperfokus, ein Zustand höchster Konzentrationsfähigkeit (ähnlich dem Flow) ist möglich, wenn extremes Interesse an einem Thema oder einer Tätigkeit besteht. Allerdings kann die Konzentrationsfähigkeit nicht durch reine Willenskraft hergestellt werden. Doch die Beschäftigung mit Dingen, die einen sehr interessieren oder gar faszinieren, fördert den hyperfokussierten Zustand.
    Darum ist es meiner Ansicht nach enorm wichtig, seine Arbeit nach Interessen, Neigungen und Vorlieben auszuwählen. Übrigens stimmt es meiner Erfahrung nach nicht, dass Betroffene grundsätzlich keine Aufgaben erledigen können, die sehr komplex sind oder bei denen auf Details geachtet werden muss. Dies wird tatsächlich häufig verallgemeinernd behauptet. Doch die individuellen Stärken eines Betroffenen können natürlich auch in Bereichen liegen, die extreme Exaktheit oder geistige Arbeit auf hohem Niveau erfordern. (Ich selbst bin dafür ein sehr gutes Beispiel. ;-))
  • Willensstärke & Risikobereitschaft
  • Kreativität, Phantasie & Ideenreichtum
    Dadurch, dass AD(H)S mit nichtlinearem, asynchronem Denken einhergeht, fördert es die Umsetzung innovativer Ideen und Konzepte sowie kreative und künstlerische Begabungen.
  • Neugier & Wissensdurst
  • Leidenschaft & Emotionalität
    AD(H)Sler erleben als meist Hochsensible Gefühle sehr intensiv und sind u.a. auch sehr begeisterungsfähig. Und beschäftigen sich hingebungsvoll mit den Dingen, für die sie sich begeistern.
  • Empathie & Gefühlsbetontheit
  • Starker Gerechtigkeitssinn
  • Authentizität & Aufgeschlossenheit
    AD(H)Sler sind oft Exzentriker, denen es nichts ausmacht, mit ihrer ungewöhnlichen Art auch mal anzuecken. Sie fühlen sich nicht an Normen gebunden und sind dadurch auch sehr offen gegenüber neuen Dingen.

 

 

10 hilfreiche Tipps für AD(H)Sler

  1. Sich umfangreich informieren
    Denn umso besser man versteht, womit man es zu tun hat, desto eher kann man ggf. Probleme lösen und Schwächen kompensieren.
  2. Behandlungsbedarf gründlich abwägen
    Alles, was einen Nutzen verspricht, ist auch mit Risiken verbunden – dies gilt insbesondere für Medikamente, die starke Nebenwirkungen haben können. Darum sollte man sich sehr gut überlegen, ob eine Therapie überhaupt notwendig ist.
  3. Coaching nutzen
    Das muss nicht zwingend ein bezahltes Angebot sein. Auch Menschen, die einem eng vertraut sind und die bestehenden Probleme sehr gut kennen, können dies leisten. Wichtig ist zudem, dass sie einen relativ guten Wissensstand über AD(H)S besitzen. Mein persönlicher Coach hat mir z. B. extrem gut dabei geholfen, einige meiner Schwächen auszugleichen.
  4. Ordnung halten (lernen)
    Zugegeben, das mag für viele Betroffene wie ein unerreichbares Ziel erscheinen. Doch auch ich selbst war mal eine totale Chaotin – und habe mich (mit Unterstützung) zu einer sehr ordentlichen Person entwickelt. Das spart nicht nur eine Menge Zeit. Durch die äußere Ordnung gibt es auch weniger Dinge, die mich vom Wesentlichen ablenken könnten. Denn auch optische Reize können verwirren und reizüberfluten.
  5. Listen führen und Notizen machen
    Es klingt banal, doch ohne meine To-do-Listen, meine Kalender (es sind tatsächlich mehrere) und das ständige Notieren von Ideen u. a. wäre ich schlicht verloren. Auch mit Sprachaufnahmen arbeite ich gern. Nicht nur weiß ich so immer, was gerade ansteht und erledigt werden muss. Es hat auch den Vorteil, dass ich den Kopf dadurch freier bekomme. Denn was einmal aufgeschrieben wurde, kann nicht mehr so leicht vergessen werden.
  6. Eigene Motivatoren herausfinden
    Für Menschen mit AD(H)S spielt intrinsische Motivation eine sehr große Rolle. Denn wenn wir uns extrem für etwas begeistern, finden wir – anders als sonst – relativ leicht den nötigen Antrieb, um uns damit zu beschäftigen und ins Tun zu kommen. Darum ist es meiner Ansicht nach gerade für Betroffene enorm wichtig, den eigenen Leidenschaften und Interessen zu folgen.
  7. Geeignete (Arbeits-)Umgebung schaffen
    Jeder Mensch hat individuelle Bedürfnisse, egal ob es um die Arbeit, das Privatleben oder die Freizeit geht. Was evtl. für die Mehrheit gut funktioniert, muss einem selbst noch lange nicht entsprechen. Deshalb gilt natürlich auch für den beruflichen Bereich: Du selbst entscheidest, was zu dir passt und dir guttut! Und wenn du die besten Arbeitsergebnisse im Handstand nachts um halb drei erzielst, dann solltest du dich nicht davon abhalten lassen, so zu arbeiten. 😉
    Und selbstverständlich sollte dein Arbeitsplatz möglichst reizarm und ruhig sein. Evtl. Störungen und Ablenkungen sollten auf ein Minimum reduziert werden.
  8. Individuelle Arbeitsmethoden und -rhythmen etablieren
    Die Leistungsfähigkeit von Menschen mit AD(H)S ist tendenziell wenig konstant, sondern eher schwankend. Es gibt Phasen, in denen man sehr produktiv ist und jene, in denen man wenig leisten kann. Dieser Umstand sollte genutzt werden! Deshalb ist eine freie Zeiteinteilung für Betroffene so wertvoll.
    Ebenso ist es hilfreich, Zeitdruck bewusst zu seinem Vorteil zu nutzen. Indem man sich zeitliche Limits für seine Aufgaben setzt, kann man konzentrierter und fokussierter arbeiten – und somit mehr schaffen. Infos dazu findest du auch in meinem Artikel „6 wertvolle Methoden & Tipps für dein Zeitmanagement“.
    Und natürlich solltest du genau die Arbeitsmethoden anwenden, die für dich persönlich am besten funktionieren.
  9. An sich glauben (lernen)
    Der Lebenslauf von AD(H)Slern ist oft durch Misserfolge geprägt, was sich mit der Zeit natürlich auch auf das eigene Selbstbild negativ auswirkt. Darum ist es enorm wichtig, das eigene Selbstvertrauen zu stärken und sich darüber bewusst zu werden, dass man weit mehr erreichen kann, als man vielleicht glaubt! Arbeite dazu an deinem Mindset und mache dir vor allem auch klar, dass negative Gedanken nicht mehr sind als eben negative Gedanken. Du allein entscheidest, was du über dich selbst glauben willst! Warum dein Mindset so wichtig für deinen Erfolg als Selbstständige*r ist, erfährst du in meinem Video.
  10. Sei du selbst!
    AD(H)S hin oder her – du bist du und das ist gut so! Je besser du dich und all deine Stärken und Schwächen kennst, desto selbstbewusster kannst du durchs Leben gehen. Dazu gehört natürlich ein gewisses Maß an Selbstreflektion und auch, ehrlich zu sich selbst zu sein. Dann kannst du erreichen, was du dir vorgenommen hast! Wenn du losgehst für das, was dir wirklich am Herzen liegt und wofür du brennst, wirst du die Wege finden, die zu deinem Erfolg führen.

 

Fazit

Wie du siehst, müssen von AD(H)S Betroffene noch lange nicht als Kranke oder Minderleister angesehen werden. Meiner Ansicht nach liegt die Ursache der bestehenden Probleme auch hier nicht in der relativ auffälligen Andersartigkeit mancher Menschen. Vielmehr sind gesellschaftliche Erwartungen und die extreme Leistungsorientierung in unserem System die Umstände, die vielen von uns das Leben unnötig erschweren. Es gibt noch immer viel zu wenig Verständnis, Akzeptanz und Toleranz für jene, die stark von der Masse abweichen – sei es in ihren Ansichten, ihrem Verhalten, ihrem Lebensstil oder ihren Zielen. Dabei waren es in der Vergangenheit häufig doch gerade die Außenseiter, Exzentriker und kreativen Denker, die uns weiterbrachten, weil sie neue, unkonventionelle Wege und Möglichkeiten aufzeigten.
Lasst uns dies würdigen! Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft unsere Unterschiede als etwas Positives ansehen können, anstatt sie zu kritisieren und Anpassung zu erwarten. Denn Konformismus hat meiner Meinung nach noch nie zu etwas Gutem geführt…

AD(H)S – eine andere Sichtweise
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